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Zwischen Strafe und Menschlichkeit

In unmittelbarer Nähe des Kantonsspitals Winterthur, an der Herrmann-Götz-Strasse, befindet sich das kleine und unscheinbare Gefängnis Winterthur.

Das reine Untersuchungsgefängnis bietet 54 Plätze in Einzel-, Zweier- und wenigen Viererzellen. Ausschliesslich erwachsene Männer werden hier aufgenommen; im Ausnahmefall ein Jugendlicher, wenn andere Standorte ausgelastet sind. Hier scheint immer viel los zu sein; laut Karin Eggli, der Gefängnisleiterin, sind so gut wie immer alle Plätze besetzt. Im Durchschnitt verbringen die Männer hier sechs bis acht Monate, während sie auf den Prozess, das Urteil oder die Entlassung warten. Insgesamt 16 Mitarbeiter verwalten das Gefängnis, sorgen für Ordnung und betreuen die Insassen.

Eine davon ist Françoise Middendorp; die Pflegefachfrau sortiert Medikamente und gibt sie aus, ist bei kleinen Verletzungen und harmlosen Leiden wie zum Beispiel Kopfschmerzen die Ansprechperson. Einmal in der Woche kommt der Arzt vorbei, ebenso der Psychiater vom Psychiatrisch-Psychologischen Dienst (PPD). Die Insassen werden bei Bedarf auf allfällige Krankheiten oder Verletzungen untersucht sowie psychologisch betreut. Wenn es hart auf hart kommt, wird das Kantonsspital Winterthur involviert; bei Notfällen sind die Rettungssanitäter des KSW am schnellsten vor Ort. Ausserdem werden spezielle Untersuchungen wie Röntgen, MRI etc. am KSW vorgenommen.

Zwischen Strafe Und Menschlichkeit Ksw Storys

Bis zu 54 Männer sitzen in Winterthur hinter Schloss und Riegel.

Zwiebeln, Unschuldsvermutung und Ausbrüche

Jeder erwachsene Mann, der beschuldigt wird, in der Umgebung Winterthur eine Straftat begangen zu haben, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit im Gefängnis Winterthur einsitzen. Beim Umgang mit den Insassen werden keine Unterschiede gemacht, es spiele für die Mitarbeiter keine Rolle, weshalb jemand da ist. Sie sehen nicht eine Straftat, sondern den Menschen. Solange gegenseitiger Respekt vorhanden sei, funktioniere die Zusammenarbeit, sagt Karin Eggli. Ausserdem bestehe während der Untersuchungshaft immer noch die Unschuldsvermutung; bis die Insassen verurteilt sind, gelten sie gesetzlich als unschuldig. Seit der Eröffnung des Gefängnisses im Jahr 1964 gab es nur vier Ausbruchsversuche, den letzten im Jahr 2003. Drei gelangen; alle Ausbrecher versuchten es über das Dach, einer von ihnen wurde aber bald gefunden. Bei zweien ist bis heute unklar, wo sie sich aufhalten.

Sonst sei es ziemlich ruhig, die Insassen fühlten sich wohl. Der Umgangston spiele dabei eine grosse Rolle. Im Normalfall benehmen sich die Insassen vorbildlich, da das Urteil noch nicht gefällt ist und das Verhalten in der Untersuchungshaft beim Strafmass berücksichtigt wird. Während ihres Aufenthalts steht es den Männern frei, sich an der anfallenden Arbeit zu beteiligen – im Gegensatz zum Strafvollzug ist dies in der Untersuchungshaft freiwillig. Trotzdem möchten fast alle arbeiten, etwas Sinnvolles tun. Unter anderem werden kiloweise Zwiebeln für einen Gastro-Grossbetrieb geschält und Barbecue-Stäbchen nach Grösse und Umfang sortiert, abgezählt, verpackt und an den Verteiler zurückgeschickt. Diverse Dienstleistungen, von Rüsten, Schneiden, Verpacken bis hin zu einfachen Montagearbeiten sowie Mailings inkl. Versand, werden vom Betrieb angeboten und können von jedem in Auftrag gegeben werden. 

Eine Frau im Männergefängnis

Als Frau in einem reinen Männergefängnis zu arbeiten, sei für sie kein Problem, sagt Karin Eggli. Natürlich müsse man sich distanzieren, beispielsweise durch die Kleidung. Sie habe aber noch nie einen Nachteil gehabt, Feindseligkeit gespürt oder sei respektlos behandelt worden. Jeder Mensch und jeder Tag im Gefängnis sei anders, jedes Mal eine neue Herausforderung. Sie gehe, soweit es möglich sei, gern auf die Individualität der Männer ein. Natürlich wüchsen ihr manche Insassen auch ans Herz. Zusammen mit Françoise Middendorp, der Pflegefachfrau des Gefängnisses, thematisiert sie den speziellen Fall eines Insassen, der über zwei Jahre da gewesen sei. Für ihn hätten sie kleine Ausnahmen gemacht – das habe sich voll und ganz gelohnt. Beispielsweise durfte sich der psychisch labile Insasse entgegen der Richtlinien in geschütztem Rahmen ausserhalb seiner Zelle aufhalten. Es habe damit nie Probleme gegeben, im Gegenteil; der Insasse habe sich während seines Aufenthalts positiv verändert. Erfolge, die den Gefängnisalltag aufhellen.