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Das gebrochene Herz

Am 14. dieses Monats war der Tag des heiligen Valentin, der Tag der Liebenden. Feiern für die Liebenden und Herzschmerz für die Einsamen. Doch gebrochene Herzen sind nicht nur am Valentinstag, sondern das ganze Jahr über ein wichtiges Thema – zumindest in der Medizin. Vor allem Frauen leiden an dem herzinfarktähnlichen Syndrom.

Das Broken-Heart-Syndrom heisst in der Fachsprache Takotsubo-Syndrom. Es wurde erstmals 1990 von japanischen Wissenschaftlern beschrieben: «Takotsubo» bedeutet im Japanischen Tintenfischfalle. Das Syndrom bekam den Namen, da die linke Herzkammer in der Erkrankungsphase einem speziellen Tonkrug (enger Hals und bauchiger Körper) ähnelt, der in Japan zum Tintenfischfang benutzt wird. Die Symptome des Takotsubo-Syndroms gleichen denen eines akuten Herzinfarkts: plötzlich auftretende Schmerzen, Druck und Beklemmung in der Brust, extreme Angst, Schweissausbrüche, Kurzatmigkeit oder Atemnot sowie Herzrhythmusstörungen wie Herzstolpern oder Herzrasen.

Ein Frauen-Syndrom

Während rund 50 Prozent der von einem akuten Herzinfarkt betroffenen Menschen männlich sind, ist das Takotsubo-Syndrom eine Krankheit, die überwiegend Frauen betrifft – ungefähr 90 Prozent aller Takotsubo-Patienten sind weiblich, weshalb das so ist, weiss die Wissenschaft noch nicht. Das Syndrom folgt oft auf ein Ereignis, das starke Emotionen auslöst. Ein typisches Beispiel ist der plötzliche Tod eines nahestehenden Menschen oder ein anderes einschneidendes Ereignis, wie z.B. ein Schlaganfall. Vor allem Frauen zwischen dem 50. und dem 80. Lebensjahr sind vom Takotsubo- oder eben Broken-Heart-Syndrom betroffen.

Keine bleibenden Schäden

Auch wenn das Takotsubo-Syndrom einem akuten Herzinfarkt in punkto Symptomatik stark ähnelt, gibt es Unterschiede, vor allem was die Langzeitauswirkungen betrifft. Obwohl das Takotsubo-Syndrom im Gegensatz zum Herzinfarkt normalerweise keine bleibenden Schäden hinterlässt, ist es gerade in der akuten Erkrankungsphase keinesfalls harmlos. Die Sterblichkeitsrate beim Takotsubo-Syndrom liegt wie beim akuten Herzinfarkt bei etwa drei bis fünf Prozent und ist damit relativ hoch. Der Unterschied zeigt sich später: Anders als bei einem Herzinfarkt klingen die Symptome des Takotsubo-Syndroms meist innerhalb von ein paar Tagen oder Wochen ab. Dennoch sollten beim Auftreten von Symptomen die Alarmglocken läuten – allein anhand der Symptome lässt sich das Broken-Heart-Syndrom nämlich nur sehr schwer von einem akuten Herzinfarkt unterscheiden. Treten also Symptome auf, sollte dringend ein Arzt oder das Spital aufgesucht werden, denn ohne eingehende medizinische Untersuchung kann kaum festgestellt werden, ob es sich um einen Infarkt oder um das Broken-Heart-Syndrom handelt. Eine notfallmässige Herzkatheteruntersuchung und anschliessend eine Behandlung sind dabei in fast jedem Fall notwendig. Je nach Schweregrad der Symptome empfiehlt es sich, den Rettungsdienst zu rufen. Nicht zuletzt, weil es in der akuten Phase der Erkrankung auch zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kommen kann.

Liebeskummer und gebrochene Herzen

Die Ursachen für einen Herzinfarkt sind meist auf klassische Risikofaktoren zurückzuführen, beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Übergewicht oder Bewegungsmangel. Irgendwann kommt es zu einem teilweisen oder vollständigen Verschluss eines Herzkranzgefässes, was den Infarkt auslöst. Im Gegensatz dazu wird das Takotsubo-Syndrom häufig durch psychische Triggerfaktoren ausgelöst. Das können starke Emotionen hervorrufende Ereignisse sein wie beispielsweise der Verlust des Partners oder eines Kindes, ein schwerer Unfall oder Mobbing am Arbeitsplatz. Liebeskummer im klassischen Sinne, also durch Abweisung oder Trennung verursachter «Herzschmerz», ist hingegen nicht als Auslöser bekannt – da führt die englischen Bezeichnung «Broken-Heart-Syndrom» etwas in die Irre. Geht es jedoch um Kummer als Folge des Verlusts einer geliebten Person, kann dieser durchaus ein Auslöser sein. Klar ist, dass die psychische und emotionale Verfassung der Betroffenen einen erheblichen Einfluss auf das Risiko hat, am Takotsubo-Syndrom zu erkranken. In einer 2019 durchgeführten Studie des Universitätsspitals Zürich wurde in Bezug auf das Takotsubo-Syndrom ein klarer Zusammenhang zwischen Hirnfunktion und Herz festgestellt, womit es sich eindeutig von einem Herzinfarkt unterscheidet. Weitere Auslöser für das Syndrom können aber ebenfalls physischer Natur sein: ein Schlaganfall, eine Operation oder sogar ein banaler Sturz. Paradoxerweise kann das Takotsubo-Syndrom auch durch beglückende emotionale Momente ausgelöst werden, zum Beispiel durch einen Lottogewinn, eine Geburt oder ein lang ersehntes Wiedersehen. Man spricht dann vom «Happy-Heart-Syndrom».


Diagnose durch Ausschluss

Interview mit: PD Dr. med. Thomas Fischer, Leitender Arzt Kardiologie am Kantonsspital Winterthur

Wie erfolgt die Diagnose des Takotsubo-Syndroms?

Ein wichtiges Instrument zur Diagnose von Herzkrankheiten ist das EKG. In der Akutphase lässt sich allerdings eine Takotsubo-Erkrankung allein anhand des EKGs praktisch nicht von einem Herzinfarkt unterscheiden. Wir führen deshalb in der Regel eine notfallmässige Herzkatheteruntersuchung durch, um einen Infarkt ausschliessen zu können. Einen zusätzlichen Hinweis bringt uns dann meist der Laborbericht. Während beim akuten Herzinfarkt häufig eine grosse Menge an herzspezifischen Enzymmarkern nachweisbar ist – als Ausdruck des Zugrundegehens von Herzmuskelzellen durch die Durchblutungsstörung –, ist dies beim Takotsubo-Syndrom meist nicht der Fall.

Wie wird das Syndrom behandelt?

Wir gehen im Moment davon aus, dass emotionale Triggerfaktoren eine Art Überflutung des Organismus mit Stresshormonen verursachen. Deswegen wird seit vielen Jahren eine medikamentöse Therapie durchgeführt mit sogenannten Betablockern und «herzentlastenden» Mitteln, sogenannten ACE-Hemmern, die die Herzfunktion verbessern. Diese Therapie basiert auf Erfahrung und wird für einen beschränkten Zeitraum eines halben Jahres durchgeführt. Aber sie wirkt. Dass die Erkrankung erneut auftritt, kommt nur in weniger als zehn Prozent der Fälle vor. Nach der Therapie ist der Stress bei der Mehrzahl der Patientinnen vorbei und kehrt zum Glück meistens auch nicht zurück.

PD Dr. med. Thomas A. Fischer

Leitender Arzt
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