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Bewegen und forschen

Dr. Brunner ist von Haus aus Physiotherapeut. Also ein «Dr. Physio»? Treffender wäre wohl «Dr. Neugierde». Sein Wortschatz hat genau eine Lücke: «ausruhen». In der Phase von praktischer Arbeit am KSW und Dissertation in Belgien fehlte dafür die Zeit, und beruflich auf dem Erreichten auszuruhen, ist für ihn keine Option.

Auf den für einen Physiotherapeuten eher ungewohnten Doktortitel angesprochen, landet Emanuel Brunner schnurstracks beim Thema: «Physiotherapie bei komplexen Schmerzpatienten.» Ins Doktorat hineingezogen hat ihn die Chance zur vertieften Auseinandersetzung mit neuen Möglichkeiten zur Schmerzbehandlung und zur spannenden Zusammenarbeit weit über die fachlichen Grenzen der Physiotherapie hinaus.

«Forschung und Hochschul-Luft als ideale Ergänzung der praktischen Tätigkeit am KSW», bringt er es auf den Punkt: «Es war beides, was mich fast magisch hineinzog: Die konsequente Spezialisierung auf der einen und der Blick über die Grenzen der traditionellen Physiotherapie hinaus auf der anderen Seite.»

Bachelor an der ZHAW in Winterthur, Master und anschliessend Dissertation an der University of Leuven (KU Leuven) in Belgien, gleichzeitig praktizierender Physiotherapeut am KSW: spannend, aber ständig unterwegs und nicht besonders geruhsam.

Impulse aus anderen Bereichen

Brunner ist Physiotherapeut durch und durch, überzeugt von den therapeutischen Möglichkeiten durch Bewegung und interessiert am Kontakt mit Patienten. Dennoch geht er davon aus, dass die grossen Fortschritte der Physiotherapie in den nächsten Jahren durch Impulse aus anderen Bereichen bestimmt sein werden.

«Unsere Zukunft liegt in der Vernetzung mit anderen Bereichen, namentlich mit der Psychologie und der Neurophysiologie.»

Es sei wichtig, die traditionellen Wurzeln der Physiotherapie als Kernkompetenz weiter zu pflegen, ohne damit neue Perspektiven zu verpassen; man stehe vor einer Phase der thematischen Ausweitung. Kontakte und Vernetzungen im Rahmen der Forschung vertiefen das Verständnis für Entwicklungen in anderen Bereichen. Das schärft den Blick auf innovative Impulse, von denen auch die Physiotherapie profitieren kann.

Kommunikative Herausforderungen

Zwischen Erkenntnis und Anwendung liegen oft kommunikative Herausforderungen, Brunner nennt ein Beispiel: Wie gelingt es, andere davon zu überzeugen, dass Physiotherapie depressiven Menschen zu einer besseren Lebensqualität verhelfen kann? Dazu braucht es Argumente und Forschungsresultate, aber auch Köpfe und Leidenschaft.

Wer es wie Brunner eher mit Leidenschaft und Tempo hat, den nervt manchmal die Schweizer Behäbigkeit: «Wir fragen zu oft nach dem fachlichen Hintergrund und zu selten nach dem Innovationspotenzial, das jemand verspricht. Gilt diese Kritik auch dem KSW? Nicht durchwegs. Es gebe hier zwar enge Grenzziehungen, sagt Brunner, aber oft auch grünes Licht für Innovationen. Und natürlich spielten in der Gesamtschau über das Spital auch Aspekte hinein, die ihm als Spezialisten weniger geläufig seien. 

Offen in die Zukunft gehen

Vielleicht aber ist Brunners Ungeduld grösser als das Beharrungsvermögen in der Schweiz. Die akademischen Weiterbildungsprogramme werden ausgebaut, seit Kurzem bietet die ZHAW das Doktoratsprogramm Care & Rehabilitation Sciences an. Brunner erhofft sich von der einsetzenden Akademisierung seines Berufes eine zunehmende Öffnung für Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, auch für den klinischen Alltag.

«Nach meiner Überzeugung liegt die Zukunft der Physiotherapie in der gezielten Übernahme innovativer Erkenntnisse aus anderen Fachgebieten. Das Traditionelle wird seine Bedeutung nicht verlieren, doch die wertvolle Erweiterung liegt in der geschickten Verbindung unterschiedlichster Methoden – wie wir es auch in der Küche oder in der Kultur erleben.»


Gewachsene Grenzen nicht blindlings akzeptieren

Als Physiotherapeut forschten Sie über psychische Faktoren von Rückenschmerzen. Haben die Psychologen das Thema vergessen?

Nein, vergessen haben die Psychologen das Thema sicherlich nicht. Es braucht immer uns beide, aufgrund der Wechselwirkung: Psychische Faktoren beeinflussen die körperliche Befindlichkeit und natürlich auch umgekehrt. So führt zum Beispiel Angst zu einer körperlichen Anspannung, die ihrerseits wiederum das psychische Befinden tangieren kann.

Physiotherapeuten können deshalb helfen, durch ein anderes Bewegungsverhalten aus dieser Angstspirale hinauszufinden. Damit die Patienten nicht zwischen Stuhl und Bank landen, müssen Physiotherapie und Psychologie gut aufeinander abgestimmt sein.

Werden sich die Grenzen der Physiotherapie verschieben?

Sie werden sich verschieben, aber nicht verschwinden. Eine sinnvolle Abgrenzung zu anderen Disziplinen ist in jedem vernetzten Fachgebiet ein Dauerthema. Einerseits gilt es, historisch gewachsene Grenzen nicht blindlings zu akzeptieren. Anderseits dürfen wir die Chance nicht verpassen, das Verhältnis zwischen Psychologie und Physiotherapie unvoreingenommen zu diskutieren und aufgrund von Fakten aktiv mitzugestalten.

Zugleich darf sich niemand überschätzen; wo andere erfolgversprechendere Therapien anbieten, müssen sie zum Zug kommen – im Interesse der Patienten. Die wachsende Zahl älterer Patienten mit multimorbider Erscheinung, die Migration und eine Zunahme von chronischen Depressionen (laut WHO bald Nr. 1 der Leiden) erfordert von uns einen Wandel in die Breite.

Welche Rolle nimmt das Gespräch ein?

Eine Schlüsselrolle, denn wir können dem Schmerzpatienten keine Patentlösung auf den Tisch legen. Die Aufgabe des Schmerztherapeuten ist es, ihn auf dem Weg zu einer besseren Lebensqualität zu begleiten und zu unterstützen. Das setzt ein hohes Mass an Information und Eigenverantwortung voraus.

Sind Sie ungeduldig?

Wirke ich so? Sagen wir lieber Tempo als Ungeduld. Aber ja, die spannende Arbeit im Rahmen des PhD machte mich gewiss nicht geduldiger. In der Forschung gilt ein anderes Zeitmass, zudem ist unsere grundsolide Mentalität nicht in erster Linie auf Schnelligkeit ausgelegt. Kurz und bündig: An der Universität im belgischen Leuven gilt ein anderes Tempo als im KSW.

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