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Von Mensch zu Mensch

Am KSW duzen wir uns nun offiziell seit fast zwei Jahren. Was das Du bewirkt, wie die Veränderung angenommen wurde und wie die Du-Kultur in anderen Unternehmen umgesetzt wird, haben Susanna Oechslin aus dem KSW und Stephanie
Escher von den SBB in einem Gespräch diskutiert.

Warum wurde die Du-Kultur eingeführt?

Stephanie:
Im Rahmen eines Kultur- und Transformationsprojekts hatten wir die Du-Kultur diskutiert. Unsere Zusammenarbeit sollte durch das Du direkter und weniger hierarchisch werden. Deshalb entschieden wir uns dann dazu, das Du Anfang 2018 einzuführen. An unserer grossen Kaderkonferenz wurde diese Entscheidung kommuniziert, und ab da wurde sie umgesetzt. Wichtig war, dass Schlüsselpersonen, wie beispielsweise unser CEO, von Anfang an dahinterstanden und als Vorbild wirkten.

Susanna:
Auch bei uns war der Schritt zur Du-Kultur Teil der gesamten kulturellen Entwicklung, die wiederum ein Teil der Spitalstrategie ist. Da der Wechsel zur Du-Kultur immer auch die Hierarchieverhältnisse tangiert, sollte die Kommunikation dazu sorgfältig geplant werden: Anfang 2020 informierte unser CEO Rolf Zehnder alle Mitarbeitenden in der Neujahrsmail über die kulturelle Veränderung und stellte sich gleich mit Vornamen vor. Zuvor hatten wir das gesamte KSW-Kader über den Wechsel informiert.

Was sind die Vorteile einer Du-Kultur?

Stephanie:
Bei uns waren bereits vor der offiziellen Einführung die meisten per Du. Nun ist es aber ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur, der vieles vereinfacht: Man muss sich nicht fragen, mit wem man bereits per Du ist oder wer das Du anbieten darf. Hierarchien, Alter und Geschlecht werden hier in den Hintergrund gestellt. Das eliminiert Unsicherheiten und schafft eine schöne Zusammenarbeitskultur.

Susanna:
Das Du vereinfacht die Kommunikation – mündlich und schriftlich –, baut Brücken auch über Teamstrukturen und Fachbereiche hinweg. Die Pandemie hat unser gesamtes Team am KSW gestärkt, das Du hat da auch mitgeholfen. Am KSW pflegten wir auch vor dem Wechsel eine gute Zusammenarbeitskultur – das Du gibt jedoch nochmals einen anderen Teamspirit und unterstreicht den Gedanken der Teammedizin. Mit der Einführung des Du ändert sich zwar nur ein Wort – es hat aber eine grosse Wirkung auf die Zusammenarbeit.

Wie wurde das Du angenommen? Gab es Schwierigkeiten?

Stephanie:
Bei uns wurde das Du sehr gut angenommen, über alle Hierarchiestufen hinweg. Dennoch mussten wir uns an gewissen Punkten fragen, ob das Du wirklich überall funktioniert – beispielsweise bei offiziellen Schreiben. Da mussten wir jedoch feststellen, dass es letztendlich keinen Unterschied macht. Man versucht, eine Distanz zu wahren, die nicht existiert – und schwierige Informationen sind in der Sie-Form nicht besser oder schlechter.

Susanna:
Manche Mitarbeitenden hatten Schwierigkeiten, ihre Vorgesetzten zu duzen. Auch wenn viele von uns das Du sehr gut annahmen, mussten wir akzeptieren, dass diese Veränderung nicht für jeden oder jede leicht war. Nach fast zwei Jahren gibt es zwar immer noch Mitarbeitende, die das Du schlicht nicht wollen – und das ist in Ordnung, solange sie das dem Gegenüber klar kommunizieren. Die meisten jedoch brauchten einfach eine Gewöhnungszeit. Da war es sehr wichtig, dass verschiedene Führungspersonen – unter anderem unser Spitaldirektor – immer wieder aktiv auf Mitarbeitende zugingen, sich mit Vornamen vorstellten, die Du-Kultur vorlebten.

Bei der SBB seit vier, im KSW seit fast zwei Jahren – wie ist das Resümee zum Du?

Stephanie:
Durchwegs gut. Unsere Erwartung war, die Zusammenarbeit leichter und unkomplizierter zu gestalten, Barrieren abzubauen. Zudem ist die Du-Kultur ein Pluspunkt auf dem Arbeitsmarkt. Wir könnten uns nicht mehr vorstellen, zurückzugehen, der Mehrwert ist enorm.

Susanna:
Dem kann ich mich anschliessen. Ich sehe da keine Nachteile – sowohl kulturell als auch zwischenmenschlich hat uns das Du näher zueinander gebracht, Kommunikationswege vereinfacht und als Team gestärkt. Nach wie vor ist es das Ziel, sich im Arbeitsalltag auf Augenhöhe zu begegnen: Da bleibt mehr Zeit für das Wesentliche.

Wo macht das Du denn keinen Sinn?

Susanna:
Ganz klar – gegenüber Patientinnen und Patienten. Das Du wäre hier aus meiner Sicht unprofessionell und würde ihnen eine vielleicht unerwünschte Nähe aufzwingen, zumal Mitarbeitende ihren Patientinnen und Patienten ohnehin schon physisch nahekommen müssen – das kann für beide Seiten unangenehm sein. Sowohl Patientinnen und Patienten als auch Mitarbeitende müssen in dieser vulnerablen Situation einen gewissen Schutz wahren können. Wenn beide Seiten mit dem Du einverstanden sind, ist das natürlich in Ordnung – aber das soll individuell entschieden und nicht aufgezwungen werden. Das gilt generell, denke ich: Unternehmen, die nicht hinter dem Du stehen können, sollten es auch nicht auf dem Zwangsweg einführen. Sonst geht der Wert verloren.

Stephanie:
Auch wir siezen unsere Kundinnen und Kunden weiterhin konsequent. Wir haben einen öffentlichen Auftrag als Transportunternehmen. Wir haben Kundinnen und Kunden in jedem Alter, da wollen wir das Du nicht erzwingen, sondern Professionalität wahren. Ausserdem haben die Mitarbeitenden auch eine Kontrollfunktion, beispielsweise bei der Billettkontrolle – da wäre das Du unangebracht.

«Ein kleines Wort mit grosser Wirkung: Wir begegnen uns von Mensch zu Mensch, nicht von Funktion zu Funktion.» Stephanie Escher

Bei Ikea wird durchwegs geduzt. Warum funktioniert es da?

Susanna:
Ikea ist ein schwedisches Unternehmen, in Schweden wird generell geduzt – überall. Dass das Du bei Ikea auch von Kundinnen und Kunden angenommen wird, hängt meiner Meinung nach mit dem Image und dem Zielpublikum des Unternehmens zusammen. Es ist spannend, darüber nachzudenken, wo da die Grenzen sind – kulturell und individuell. Für mich ist es völlig in Ordnung, im Bekleidungsgeschäft geduzt zu werden. Bei der Bank würde es mich aber stören.

Stephanie:
Ja, das stimmt. Auch ich bin ein absoluter Du-Mensch, dennoch wäre das Du in gewissen Situationen seltsam oder mir sogar unangenehm. Wo liegen die Unterschiede? Ist das nur Gewöhnungssache, oder sind wir da kulturell und sprachlich geprägt? Eine interessante Diskussion – ich bin gespannt, wo die Du-Reise uns noch hinführen wird.