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Stippvisite

Hinter dem Blaulicht

Man sieht sie am Blaulicht und hört sie am Signalhorn. Doch schnell sein ist nur ein Teil der Arbeit von Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern des Rettungsdienstes Winterthur. Mit breitem medizinischem Wissen, hoher Belastbarkeit und Sozialkompetenz üben sie einen klassischen Zweitberuf aus, an den sich für viele später eine weitere Tätigkeit anschliesst.

Die Ausbildung zur Dipl. Rettungssanitäterin HF und zum Dipl. Rettungssanitäter HF ist anspruchsvoll und lang, der Berufsalltag fachlich und körperlich herausfordernd. Eine «Pensionierung an der Front» ist selten. Kaum ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes steht im normalen Dienst, bis die AHV kommt.

Eine Einbahnstrasse also? Bei guter Vorbereitung keinesfalls. Beim Rettungsdienst Winterthur wird ständige Weiterbildung deshalb gross geschrieben, denn hohes Fachwissen ist eine wirkungsvolle Massnahme zur Stressminderung im Einsatz.

Weiter stehen den Mitarbeitenden die modernsten Fahrzeuge und Gerätschaften zur Verfügung. Positiv wirkt sich auch ein Dienstplanmodell aus, in welchem die aktuellen Erkenntnisse der Auswirkungen durch die Schichtarbeit eingeflossen sind.

Mit diesen Massnahmen können die Belastungen möglichst reduziert werden, damit die Mitarbeitenden lange in ihrem Beruf arbeiten können oder noch fit für eine Neuorientierung sind. Dies sind auch die Gründe, weshalb der Rettungsdienst Winterthur in seiner Vision als einer der besten und innovativsten Rettungsdienste der Schweiz wahrgenommen werden will.

Einsatz in wechselnden Teams

Flexibel sein heisst für Rettungssanitäter auch, sich in unterschiedlichen Teams und Führungs- sowie Organisationsstrukturen rasch und professionell zurechtfinden zu können – am Einsatzort, während des Transports und im Spital.

Am Ereignisort trägt üblicherweise der Schichtleiter die blau-weisse Weste als Einsatzleiter Sanität und hat somit auch die Führung; bei grossen oder komplexen Ereignissen liegt die Gesamteinsatzleitung im Raum Winterthur immer bei der Polizei. Die Zuständigkeiten sind jeweils von vornherein klar, unabhängig von den Ursachen des Ereignisses. Das vereinfacht auch scheinbar nebensächliche und doch recht heikle Aspekte wie zum Beispiel die Medienarbeit.

Ständige Weiterbildung

Weil die wenigsten Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter bis zu ihrer Pensionierung im strapazenreichen Dienst an der Front stehen wollen, hat Leiter Markus Huggler mit seinen Bereichsleitern Entwicklungspfade in Richtung Ausbildung oder Führung erarbeitet, er nennt es «Rucksack für den Ausstieg». Führen und Ausbilden – für beide Aufgabenbereiche verfügen Rettungssanitäter über geeignete Voraussetzungen (siehe Interview).

Ständige Weiterbildung prägt auch die Zeit im Rettungsdienst selbst, auf jeder Stufe sind Qualifikationsanforderungen festgelegt. Nach Möglichkeit sollen über die fixen Vorgaben hinaus zusätzliche Weiterbildungen unterstützt werden, wie für die Bereichsleiter eine Ausbildung auf Master-Stufe. Derzeit verfügt ein Teil der Bereichsleiter bereits über den Abschluss, die anderen besuchen berufsbegleitend einen Studiengang.

Spezialisierung und Austausch

Die unterschiedlichen Zuständigkeiten der Bereichsleiter (Einsatzplanung, Technik, Logistik, Personalentwicklung, Qualitätsmanagement und Berufsbildung/Support) sowie die Aufteilung in drei Geschäftsfelder (Einsätze, Veranstaltungen und Grossereignisse/KATA) geben einen ersten Hinweis auf die Aufgabenfülle des Rettungsdienstes. So klar die Zuständigkeiten im Betrieb geregelt sind, so wichtig ist im Alltag der Austausch von Erfahrung und Wissen.


«Vertrauen aufbauen ist das A und O»

Weiterbildung nach dem Rettungsdienst: warum gerade für Führungsaufgaben?

Die Vorbereitung auf Führungsaufgaben ist ein quasilogischer Anschluss an den Alltag in unserem Bereich. Wer im Rettungsdienst arbeitet, gewinnt Erfahrungen im Umgang mit klaren Führungsmustern. Er kennt sie aus verschiedenen Blickwinkeln: bei komplexen und grösseren Einsätzen unter der Gesamtleitung der Polizei und bei kleineren als Einsatzleiter. Gefordert sind Fachkompetenz und Teamfähigkeit in unterschiedlichsten Situationen. Einer der Schlüsselbegriffe heisst, aufeinander zu achten.

Aufeinander achten: Was heisst das für Sie persönlich?

Es beginnt mit dem Grundsatz, jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter einmal am Tag in die Augen zu sehen. Professionelle Zusammenarbeit setzt weit mehr voraus als nur klare Regelungen.

Wie nehmen Sie Einfluss auf die Entwicklung von Team und Strukturen?

Ausgehend von klaren Vorstellungen, zugleich aber gilt: Eine Entwicklung im Team kann man nicht befehlen, man muss dazu anreizen und sie fördern. Der geeignete Impuls geht oft von den Mitarbeitenden aus. Um darauf aufbauen zu können, braucht es regelmässigen Gesprächskontakt auf allen Ebenen und die Bereitschaft, sich auch mit überraschenden Vorschlägen offen auseinanderzusetzen. Gemeinsam erarbeitete Neuerungen stossen in der Folge rascher auf eine solide Akzeptanz.

Zurück an den Einsatzort: Wie wichtig ist hier Psychologie?

Das A und O ist, dem Patienten Vertrauen zu geben und ein Verhältnis aufzubauen. Ob jemand an einem Unfall Mitschuld trägt oder nicht, ist für den Rettungsdienst kein Thema. Patient ist Patient, und wir konzentrieren uns auf die optimale Hilfe.

Wie verarbeitet ein Rettungssanitäter belastende Einsätze?

Entscheidend für den professionellen Umgang mit bewegenden Eindrücken ist eine gute Mitte zwischen Betroffenheit und Distanz. Konkret: Wer nach einem schwierigen Einsatz seine Eindrücke verarbeiten muss, gilt überhaupt nicht als Schwächling – solche Zeiten sind zum Glück vorbei. Am anderen Ende der Skala halte ich herzlich wenig von einer Kultur, in der alles und jedes beredet sein muss, es darf nicht in eine fast gewaltsame Verpflichtung zur Aufarbeitung münden.

Die formalen Voraussetzungen für Bewerber sind klar geregelt. Welche persönlichen Eigenschaften zählen?

Für mich zählt die glaubhafte Motivation jenseits von Draufgängertum und Helfersyndrom. Ich will keine Leute, die vor dem Einsatz ein Glänzen in den Augen haben – und Rambos haben bei uns sowieso nichts verloren.

Und positiv formuliert, worauf soll die Motivation basieren?

Auf der Gewissheit, dass man bereit ist, alles zu geben. Man investiert bei diesem Beruf und in einem Einsatz sehr viel Fachwissen und Engagement, um anderen zu helfen. Patient und Rettungssanitäter sehen sich nur für eine begrenzte Zeit, aber das ist meist eine persönlich prägende Begegnung.


Ein paar Zahlen

Bei aller Bedeutung des Unspektakulären, etwas Blaulicht muss noch sein. Die Rettungswagen werden ca. fünfjährig und werden dann mit gegen 250’000 Kilometern auf dem Zähler weiterverkauft, meist für den Export. Die Flotte umfasst 7 Rettungswagen und 2 Notarzteinsatzfahrzeuge. Die Einsätze werden vom KSW und von einer 24-Stunden-Wache in Kemptthal aus durchgeführt. Lust auf weitere Zahlen? Hier sind sie:

  • Anzahl Festangestellte: 55
  • Durchschnittsalter der Rettungssanitäter: 33,8
  • Anzahl Einsätze 2017 total: 9’368
  • Durchschnittliche Anzahl Einsätze pro Tag: ca. 26
  • Durchschnittliche Anzahl Kilometer pro Tag: 698

Selektion und Ausbildung

Die Ausbildung zum diplomierten Rettungssanitäter HF setzt eine Matura oder einen Berufsabschluss mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis EFZ voraus und erfolgt im dualen Bildungssystem. Die praktische Tätigkeit beim Rettungsdienst wird kombiniert mit dem Besuch der Höheren Fachschule für Rettungsberufe in Zürich oder des Schweizerischen Instituts für Rettungsmedizin in Nottwil.

Die dreijährige Ausbildung verkürzt sich für Personen mit abgeschlossener Pflegeausbildung HF auf zwei Jahre. Das Spektrum der Erstberufe von Bewerberinnen und Bewerbern soll sehr breit sein, beim Rettungsdienst Winterthur reicht es von Pflegenden über Flight Attendants und Handwerker bis zum Schweizergardisten.

Stippvisite Rettungdienst Ksw Storys 01

Rasche Befundaufnahme im Rettungswagen mit modernsten Hilfsmitteln.

Trotz eines vorangehenden Eignungspraktikums und einer strengen Selektionsquote von rund 10 Prozent der Bewerber lassen sich die jährlich vier neuen Ausbildungsstellen stets mühelos besetzen. Rund 70 Prozent der Bewerbungen gehen von Frauen ein.

Der Rettungsdienst Winterthur hat zusammen mit externen Spezialisten ein spezifisches Assessmentcenter entwickelt. Dieses wird regelmässig auch von anderen Rettungsdiensten in Anspruch genommen. Im Zentrum stehen die kognitiven und persönlichen Voraussetzungen für den Beruf als Rettungssanitäter. In den letzten Jahren verstärkte sich ein Trend, den man als Aussenstehender kaum erwartet hätte: Relativ viele der eher jungen Bewerber verfügen über wenig Routine im Autofahren.

Rettungsdienst
Der Rettungsdienst Winterthur ist rund um die Uhr einsatzbereit zur medizinischen Notfallversorgung.
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