Comeback in Rekordzeit
Nach einer Berührung mit ihrer Teamkollegin verliert Saskja Lack vor einer Welle das Gleichgewicht, wird in die Luft gehoben und prallt ungebremst mit Becken und Schulter gegen die nächste Welle. Im Internet lässt sich der brutale Sturz am Skicrossrennen Mitte Dezember 2024 in Arosa in Zeitlupe betrachten.
Die Winterthurer Skicrosserin hat sich die TV-Bilder erst viel später angeschaut. Sie wartete, bis sie an der Schulter operiert worden war und die Rehabilitation begonnen hatte. «Direkt nach dem Unfall hätte mir das nicht gutgetan», meint die 25-Jährige.
Das Saisonziel in Gefahr
Mit dem Helikopter wurde sie ins Kantonsspital in Chur geflogen. Und als die Ergebnisse der ersten Untersuchungen vorlagen, rückte ihr Saisonziel in weite Ferne: die Heim-WM von Anfang März in St. Moritz. Ihre linke Schulter war ausgerenkt, mehrere Muskeln waren verletzt, zudem hatte sie eine Fraktur am Beckenring erlitten.
«Das hätte das Ende meiner Karriere bedeuten können.»
Saskja Lack
Und doch wollte sie an der WM teilnehmen. Unbedingt. Noch am selben Tag war für sie klar, dass sie alles tun würde, um rechtzeitig fit zu werden. «Bis zum Sturz war ich perfekt gefahren und fühlte mich wirklich gut. Vielleicht hätte ich dieses Rennen gewinnen können.» Zuvor hatte sie im Weltcup bereits zweite und dritte Plätze erreicht.
Ihre Begeisterung für diesen Sport ist enorm. «Skicross bietet alles, was mir Spass macht. Geschwindigkeit, Sprünge. Und den direkten Wettbewerb mit anderen Athletinnen», sagt sie. Vier Fahrerinnen starten gleichzeitig und versuchen einander auf einem Kurs mit Sprüngen, Wellen und Kurven zu überholen. «Wer gewinnen will, muss in den Zweikampf gehen.» Rasch wusste sie auch, dass sie sich am KSW von PD Dr. med. Emanuel Benninger behandeln lassen wollte. «Er ist einer der besten Schulterchirurgen der Schweiz. Zudem ist am KSW ein ausgezeichneter Beckenspezialist tätig.» Dass sie in Winterthur lebt, war ein weiterer Vorteil.
«Heute bin ich fitter als je zuvor.»
Saskja Lack
Der Chefarzt und Leiter der Klinik für Orthopädie und Traumatologie sah sich die Fernsehaufnahmen des Unfalls genau an. «Ich wollte wissen, ob die Schulterverletzung durch Zug, Kompression oder durch eine Kombination beider Kräfte entstanden war», erklärt PD Dr. med. Emanuel Benninger. Nach gründlicher Diagnose riet er der Skicrosserin zu einer Operation der luxierten Schulter mit einem sogenannten Knochenblock. Dabei werden ein Knochenvorsprung und eine Sehne versetzt und mit Schrauben fixiert. «So lässt sich das instabile Schultergelenk am schnellsten und am besten stabilisieren.» Die Beckenverletzung sollte konservativ mit Physiotherapie behandelt werden.
Kein Gefühl mehr im Arm
Dass Saskja Lack innert drei Monaten wieder Rennen fahren könnte, wollte PD Dr. med. Emanuel Benninger nicht ausschliessen. «Doch eine sofortige Operation war nicht möglich. Denn durch den Sturz wurden auch die Nerven ihres linken Arms verletzt.» Diese verlaufen direkt neben der Stelle, an welcher der Eingriff erfolgen würde, und der Chirurg wollte das Nervengewebe nicht zusätzlich belasten. Für die Skifahrerin war die Zeit bis zur Operation aufwühlend. «Ich hatte kein Gefühl im Arm und konnte die Hand nicht heben. Das machte mir am meisten Angst.» Wenn sich die Nerven nicht wieder erholt hätten, wäre ihre Karriere zu Ende gewesen.
Als sich nach drei Wochen der Zustand der Nerven leicht verbessert hatte, entschied sich Emanuel Benninger zur Operation. Darauf folgte eine sehr intensive Rehabilitation. Die junge Athletin stand jeden Tag sechs Stunden im Kraftraum und hatte Physiotherapie. Alle zwei Wochen prüfte der Chirurg ihre Fortschritte, und kurz vor der WM gab er schliesslich das Okay zum Start. Saskja Lack erreichte den elften Rang. «Ich war extrem enttäuscht. Doch im Nachhinein realisierte ich, wie viel ich mit hartem Training erreicht hatte.»
Ehrgeizige Ziele
Nach dem Comeback in Rekordzeit ging die Rehabilitation weiter, ab Ende August trainierte sie mehrere Wochen lang auf dem Gletscher ob Saas Fee. Heute, sagt sie, sei sie fitter als je zuvor. «Die Schulter ist stabil, und ich habe so gut wie keine Einschränkung mehr.» Für die laufende Saison hat sie sich denn auch hohe Ziele gesetzt: im Weltcup einen Platz auf dem Podest, an der Winterolympiade im italienischen Livigno im Februar* eine Medaille.
Dass sie sich das zutraut, hat auch viel mit der Behandlung am KSW zu tun. «Die Betreuung durch Emanuel Benninger und sein Team war optimal. Er hat genau verstanden, was mir wichtig war, und sich voll für mich eingesetzt.» Und noch etwas hat der Unfall bewirkt: Ihre Motivation fürs Training ist nochmals gestiegen «Ich habe schon vorher hart gearbeitet. Aber jetzt weiss ich, was konsequentes Training ist. Egal ob es mir gut geht oder schlecht, ich gebe immer Vollgas.»
«Wir behandeln Spitzensportlerinnen wie Saskja Lack operativ gleich wie andere Menschen. Was anders ist: Bei ihnen zählt, dass sie selbst in Extremsituationen keine Einschränkungen haben. Was auch anders ist: Die Rehabilitation ist viel intensiver. Saskja Lack konnte ihre Enttäuschung über die Verletzung sehr schnell wegstecken und alles einem Ziel, der Teilnahme an der WM, unterordnen. Ihr Beispiel zeigt, was mit einer positiven Einstellung möglich ist. Eine solche Einstellung kann allen Menschen helfen, nach einer Verletzung in den Alltag zurückzufinden.»
PD Dr. med. Emanuel Benninger







