Psychoonkologie

Praxisbeispiel: Frau mit Brustkrebs

Frau D. (47 Jahre) lernte ich während eines stationären Aufenthalts kennen. Einige Wochen zuvor war bei ihr Brustkrebs diagnostiziert worden, nun sollte eine brusterhaltende Operation durchgeführt werden, danach würden Chemotherapie und Bestrahlung folgen.

Frau D. wünschte sich psychoonkologische Begleitung, denn diese hatte sie bereits einige Jahren zuvor während der Krebserkrankung ihres Sohnes kennengelernt. Dieser war mit 15 Jahren an einem Hirntumor erkrankt und einige Jahre später gestorben. Der Schmerz um diesen Verlust war für sie schwer zu bewältigen, und wegen der eigenen Krebserkrankung durchlebte sie die Zeit der Erkrankung ihres Sohnes nochmals. Ihre eigene Erkrankung verursachte viel Angst und Verzweiflung; vor allem die Frage, warum auch sie jetzt noch Krebs bekommen habe, liess ihr zu Beginn keine Ruhe.

Frau D. wurde über mehrere Jahre psychoonkologisch begleitet, in manchen Phasen gab es wöchentlich ein Treffen, dann wieder nur alle 3–4 Wochen. Manche Gespräche fanden während eines stationären Aufenthalts an ihrem Bett statt, andere im ambulanten Rahmen. Dadurch hatte sie konstant eine verlässliche Person an ihrer Seite, was ihr Halt gab. Sie wusste, dass da jemand war, bei dem sie ihre Gedanken und Gefühle «abladen» durfte, dem sie auch immer wieder das Gleiche erzählen durfte, der sie ernst nahm, sie wertschätzte und unterstützte. Der Umgang mit der Angst und den immer wiederkehrenden Phasen der Trauer war für sie schwierig, und es brauchte viel Zeit, damit sie sich über die eigenen Gedanken und Gefühle klarwerden konnte und auch darüber, wie sie mit sich selbst umgehen wollte. Sie schätzte es sehr, dass sie eine kurze Atemübung erlernte, die sie selbst immer wieder ausführen konnte und die ihr besonders während der Angstzustände half.

In den Gesprächen konnte sie nach und nach den als traumatisch erlebten Verlust ihres Sohnes aufarbeiten, sich der eigenen Krebserkrankung und den Auswirkungen auf ihr eigenes Leben, aber auch jenen auf die Familie stellen. Ihr Ehemann nahm ein paarmal an den Gesprächen teil, was hilfreich für beide war, denn sie konnten in diesem Rahmen miteinander über ihre Ängste und Belastungen sprechen. Die Nebenwirkungen der Chemotherapie versuchte Frau D. mit Humor zu meistern, das veränderte Körpergefühl und der Gedanke, für ihren Mann nicht mehr attraktiv zu sein, und auch die Sorge, verlassen zu werden, nichts mehr «wert» zu sein, wurden immer wieder besprochen, bis sie sich in ihrem Körper wieder wohlfühlte und auch zuversichtlich war, die Zukunft meistern zu können.