Training für den Ernstfall

Es bleibt nur wenig Zeit zum Nachdenken, wenn es um Leben und Tod geht. Damit auch dann jeder Handgriff sitzt, führt das Simulationszentrum mit den einzelnen Kliniken am KSW regelmässig Übungen unter realistischen Bedingungen durch.

Das Dreierteam im Operationssaal wird nervös. Eigentlich sollte in einer Routineoperation unter örtlicher Betäubung die Achillessehne genäht werden, aber die Patientin ist plötzlich nicht mehr richtig ansprechbar. Die Zeit drängt, die beiden Ärztinnen und der Pflegefachmann reagieren Intensivpflegehoch konzentriert. Sie reden miteinander, stimmen sich ab und bewahren Ruhe, so gut es geht – denn Fehler dürfen jetzt keine passieren. Auf einem Monitor überwachen sie den Herzschlag, die Atmung sowie die Sauerstoffsättigung im Blut. Verliert die Patientin gänzlich das Bewusstsein, müssen sie sofort intubieren und die Frau künstlich beatmen.

Alles simuliert

Bei genauerem Hinsehen merkt man, dass die Fachpersonen ein Mikrofon tragen, sich um eine Puppe kümmern und über eine Gegensprechanlage zuweilen Infos in den Operationsaal gelangen. Hinter der Stimme aus der Schaltzentrale steckt der Leiter der Anästhesiepflege, Thomas Rieder. Er und Bettina Sulzmann von der Intensivpflege überwachen als Instruktoren die Gruppe, steuern die Puppe und machen sich Notizen.

Beim ganzen Szenario handelt es sich um eine Simulation, die dazu dient, den Ernstfall zu üben. Mit von der Partie ist heute auch Dr. med. Lukas Hegi, Leiter des Simulationszentrums. «Wichtig ist, dass die Beübten voll bei der Sache sind», sagt der Chefarzt der Klinik für Neonatologie. «Denn bei einem echten Notfall kann es um Leben und Tod gehen.»

«Es ist wichtig, diese Erfahrung als Team zu machen und daraus zu lernen, damit man auf einen echten Notfall vorbereitet ist.»
Bettina Sulzmann, Fachfrau Intensivpflegehoch

Am KSW wird regelmässig simuliert, und zwar wenn möglich am realen Arbeitsplatz, das heisst dort, wo normalerweise die Patienten behandelt werden. Die Räumlichkeiten sind zwar meist in Gebrauch, aber nur so entspricht die Umgebung der Realität – und die gibt es auch ausserhalb des Operationssaals. Spezialfälle wie beispielsweise der Ablauf einer Hausgeburt werden zusammen mit dem Rettungsdienst geübt.

Stresssituationen meistern

So unterschiedlich die Szenarien für eine Hebamme, einen Rettungssanitäter oder eine Chirurgin sein mögen, sie alle haben etwas gemeinsam: «Das Team soll in eine Stresssituation geraten und alles um sich herum vergessen», erläutert Thomas Rieder. «Dann sehen sie nur noch die Patientin oder den Patienten.» Das kann jedoch auch gefährlich werden, denn «mit einem Tunnelblick macht man Fehler», weiss Bettina Sulzmann. «Es ist wichtig, diese Erfahrung als Team zu machen und daraus zu lernen, damit man auf einen echten Notfall vorbereitet ist.»

Wichtig für den Notfall: das Training und das anschliessende Debriefing.

So ein Erlebnis zehrt an den Nerven und ist für alle Beteiligten sehr emotional. Darauf geht das Team dann im sogenannten Debriefing ein. Hier wird das Erlebte anhand der Filmaufnahmen reflektiert. Was ist gut gelaufen, wo gibt es Verbesserungspotenzial? In diesem Fall konnte der Blutdruck der Patientin korrigiert und ihr Zustand stabilisiert werden. Gute Teamarbeit also.


Ständig üben, um unter Stress korrekt zu handeln

Interview mit Dr. med. Lukas Hegi, Chefarzt Klinik für Neonatologie und Leiter Simulationszentrum

Gibt es verschiedene Übungen im Simulationstraining?

Ja, wir haben einerseits die einfachen Puppen. An denen führen wir unsere sogenannten Low-Fidelity-Übungen durch. Hier ist das Stresslevel geringer, und die Personen können sich besser konzentrieren. Bei den High-Fidelity-Übungen kommen dann Schauspieler oder ferngesteuerte, beinahe lebensechte Puppen zum Einsatz. Die können dann einiges mehr, zum Beispiel bei Atemnot blau anlaufen, husten oder sich sogar verkrampfen. Wenn der Schockraum gerade frei ist, machen wir mit einem geübten Team auch echte Alarme und lassen es eine Puppe reanimieren, deren Herz nicht mehr schlägt. Leerzeiten können so sinnvoll für die Weiterbildung der Mitarbeitenden genutzt werden.

Das klingt alles recht anstrengend …

Das ist es auch. Selbst wenn alles gut läuft, geht so eine Simulation allen nahe. Das mag für Aussenstehende seltsam klingen, aber wir machen unsere Arbeit alle mit viel Herzblut und haben die Realität im Hinterkopf, in der es leider nicht immer gut ausgeht und die wir mit nach Hause nehmen. Viele Fehler wären vermeidbar und entstehen im Eifer des Gefechts. Bei uns lernen die Fachpersonen deshalb, auch mit Leuten zusammenzuarbeiten, die sie nicht kennen. Wir sind alle gut ausgebildet und kennen unser Metier, aber wir müssen ständig üben, damit wir auch unter Stress korrekt handeln – das gilt für Erfahrene und Berufsneulinge gleichermassen.

Leiter Simulationszentrum

Dr. med. Lukas Hegi

Chefarzt
Klinik für Neonatologie

Tel. 052 266 28 30