Die Gipfelstürmer sind munterwegs

Giorgio Wenner

Das frühmorgendliche Treffen der KSW-Pensionierten zum Maiausflug ist immer ein besonderes Ereignis. Gerne schauen wir auf die gemeinsam erlebten Aktivitäten des vergangenen Jahres zurück. So trafen wir uns regelmässig zum Stamm und liessen uns auf den Ausflügen ins Aargauer Seeland und ins appenzellische Hügelland von der Sonne verwöhnen. Das Jahrestreffen am KSW war mit über 160 Teilnehmenden ein feiner und grossartiger Anlass.

Heute freuen sich alle, unseren neuen Slogan «Kommen Sicher Wieder» erneut umzusetzen. Zum 25. Ausflugsjahr der KSW-Pensionierten darf ich am 17. Mai 61 Teilnehmende – darunter 14 Männer – in Jubiläumsstimmung auf der Frühlingsfahrt begleiten. Schon kurz nach sieben Uhr erblicken viele hellwache Gesichter das bereitstehende Reisegefährt; der doppelstöckige Komfortbus verspricht angenehme Beinfreiheit. Gesprächsfetzen handeln von spannenden Reiseerlebnissen, von bereichernden Enkeltagen, von erfüllenden Freiwilligeneinsätzen, von Kunst und Kultur, von Gesundheit und Krafttraining und vom Leben und Sterben.

Marcel, der Lenker unserer «Königskutsche», kann bei leichtem Regen pünktlich starten. Nach der Fahrt durch das Säuliamt hinunter ins Reusstal geniessen wir die Morgenpause in der «Reussbrücke» in Ottenbach. Das Ein- und Aussteigen ist ein willkommenes Muskeltraining für die kommende «Bergtour»! Für die Kaffeepause, das obligate Gipfeltreffen, mischt sich die Gruppe neu. Da ist es selbstverständlich erlaubt, die gleichen spannenden Geschichten, leicht verändert, mehrmals zu erzählen. Der KSW-Beitrag ermöglicht es uns, allen Mitreisenden eine Stärkung für den bevorstehenden Gipfelsturm zu offerieren.

In lebhafter Stimmung reisen wir weiter und lassen die sattgrüne Landschaft an uns vorüberziehen. Sophie, die letzte von fünf Eisheiligen, hat ihr kühles und schleierartiges Nachtgewand noch immer nicht abgelegt! Nach wenigen Kilometern Fahrt in Richtung der Innerschweizer Voralpenlandschaft lässt die Sicht Vorfreude auf ein trockenes und vielversprechendes Bergerlebnis wachsen. In Stans wird der königliche Reisebus mit erwartungsvollen Nordostschweizern an der Talstation der Stanserhornbahn «entladen». Wir bewundern das mit «Geburtsjahr» 1893 aus der Gründerzeit stammende, in «Laubsägebauweise» reich verzierte Haus der Talstation. Die historische Kulisse in der herrlichen Sonne ist der richtige Moment für ein Gruppenbild in Grossformat perfekt.

Stanserhornbahn im Jubiläumsjahr

Die Bergfahrt beginnt in der offenen Nostalgie-Standseilbahn. Langsam ruckelt das hölzerne Gefährt über blühende Wiesen und Weiden hinauf zur Mittelstation «Kälti» auf 710 Metern Höhe. Der Bähnliwechsel von Alt zu Neu ist zeitlich abgestimmt. Als Kick für den ersten Höhepunkt des Tages steht das eindrückliche «CabriO» bereit. Die moderne Seilbahn mit zwei Kabinen von 2012 verfügt über ein offenes Oberdeck; sie ist die weltweit einzige Doppeldeckerbahn. So schweben wir unter freiem Himmel dem Gipfel entgegen. Gut 20 Personen finden oben einen Stehplatz mit sensationeller Rundumsicht und Wind in den Haaren. Das siebenminütige «Whow» bis zur Gipfelstation ist ein lang anhaltendes Erlebnis.

Am 23. August 1893 startete der Gästefahrbetrieb der Bahn, welche von den Pionieren Bucher und Durrer gebaut wurde. Damals war die Standseilbahn während 15 Jahren die längste und steilste derart betriebene Bahn. Sogenannte Zangenbremsen galten als absolute Innovation. Gleichzeitig entstand auf dem Stanserhorn ein schönes Hotel mit 60 Zimmern. Nach dem Vollbrand bis auf die Grundmauern 1972 wurden zwei Jahre später die beiden obersten Standseilbahnsektionen durch eine Luftseilbahn ersetzt, die bis 2011 auf den Gipfel fuhr. Mit dieser 125-jährigen Betriebsgeschichte ist 2018 die Jubiläumssaison eröffnet.

Am Rande der weiten Panoramaterrasse kämpfen die Nebelschwaden um die Herrschaft über den Gipfel und verwehren uns die klare Weitsicht in die Bergwelt. Trotzdem sind wir alle motiviert, die Ranger mit ihren  Pfadfinderhüten zum sicheren Gipfelrundgang zu begleiten. Wir besuchen die Murmeltiere und steigen durch die alpine Blumenpracht hinauf zur Adlerfluh. Die Sicht auf 100 Kilometer Alpenkette und 10 Schweizer Seen wird durch die immer noch hin und her wabernden Nebelfetzen eingeschränkt.

 

Erstausgabetag der Sondermarke

Auf dem drehenden Podest im rundum verglasten «Rondorama» wird ein genussvolles Essen aufgetischt, während draussen das undurchdringliche Nebeltuch umgehängt bleibt.
Bei unserem heutigen Besuch können wir nicht nur die 125. Saison der Stanserhornbahn miterleben, sondern auch den Erstausgabetag der Jubiläums-Sondermarke der Schweizer Post.

Zu diesem speziellen Anlass kann das Organisationsteam allen KSW-Pensionierten die nostalgisch gestaltete Sonderpostkarte, die von Diego Balli aus Stans gestaltet wurde, als Aufmerksamkeit überreichen. Ein entsprechender Dankesgruss geht sondergestempelt an die KSW-Direktion.

Später gleiten wir in der CabriO-Bahn in die Wolken hinaus, um schon beim mittleren Mast den erhofften Ausblick in die sonnenbeschienene Zentralschweiz zu geniessen. Locker rumpelnd bringt uns die Oldtimerbahn durch die blühenden Wiesen wieder zur Talstation hinunter.

Aus weissem Marmor geschaffen steht das grosse Denkmal für Arnold von Winkelried auf dem Hauptplatz von Stans. Es erinnert an diesen Eidgenossen, der sich im Sempacherkrieg 1386 für seine Kameraden heldenhaft geopfert hatte. Das Denkmal wurde vom Schweizer Architekten Ferdinand Stadler (1813-1870) geschaffen, der – darin liegt die Verbindung zu Winterthur – das Mädchengymnasium (heute Gewerbemuseum) und das Knabengymnasium (heute Museum Oskar Reinhart) realisiert hatte.

Auf der kurzen Fahrt zum Denkmal verkeilt unser «Kutscher» Marcel sein Riesengefährt beinahe in den Gassen der Hauptstadt. Beim Abschied von den Ufern des Vierwaldstättersees freuen wir uns auf neue Landschaften rund um den Zuger- und den Lauerzersee. Oben im Ägerital angekommen, sehen wir ein weiteres Denkmal der eidgenössischen Abwehrtaktik von Morgarten (1315).

Bis zur Zvieripause sind noch einige Kurven in der sattgrünen Hügellandschaft des Gottschalkenbergs zu meistern. Das Restaurant Ratenpass eignet sich mit seiner verführerischen Patisserieauswahl bestens für Plaudereien in neu gemischter Runde. Die sonnige Abendstimmung lässt uns für ein traumhaftes Gruppenbild mit Aussicht aufs Zürcher Oberland zusammenstehen. Der Rest unserer Jubiläumsfahrt über Rapperswil und Uster nach Winterthur ist in einer Stunde geschafft. Mit farbigen Naturbildern und freundlichen Begegnungen im Geiste begeben sich alle Gipfelstürmer auf den Heimweg und freuen sich, am Herbstausflug vom 27. September wieder zusammen (m)unterwegs sein zu dürfen.

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