KUNST IM KSW
| «Les éléphants voilés» von Renée Levi |
Interview mit Renée Levi am 16.03.2006
Von
PD Dr. med Kurt P. Käch, Vorsitzender Kunst- und Gestaltungskommission
Kurt Käch: Ein Blick nach draussen, und der rote Turm, das Winterthurer Hochhaus, erscheint in nächster Nähe. Sie haben dort 1999/2000 eine Ihrer vielen Arbeiten im öffentlichen Raum geschaffen. Haben Sie Erinnerungen an Winterthur, an Ihr Werk «Red Tin Bus»?
Renée Levi: Zu Winterthur habe ich eine spezielle Beziehung. Mein Partner, Marcel Schmid, mit dem ich auch zusammenarbeite, ist in Winterthur aufgewachsen. In Winterthur bin ich gern wegen seiner Museen. Ich finde das Kunstmuseum dank seinen Ausstellungen eines der spannendsten Museen der Schweiz, und das Fotomuseum ist einzigartig. Und hier in Winterthur konnte ich mit «Red Tin Bus» zum ersten Mal eine Fotoarbeit realisieren, so, wie ich es mir wünschte und wie es in einem Museumskontext nicht möglich ist. Insbesondere das Medium Fotografie verlangt in meinen Augen verbindliche kontextuelle Situierung.
Sie arbeiten mit Spraydosen. Zitat: «Sprühen kann man auf alle Oberflächen. » «Beim Sprayen versuche ich das Sprayen, die Farbe, die Zeit und mich selbst zu vergessen. Ich möchte aus meiner Hülle entschwinden. » Was fasziniert Sie am sprayen, getrieben vom Spraygas?
Sprayen ist eine neue Technik. Die Sprühdose ist einfach ein Werkzeug, und sie ist ein Superwerkzeug, weil sie schnell ist. Wenn ich mit dem Finger auf den Sprühkopf drücke, kommt Farbe, viel Farbe, ohne dass das Werkzeug den Untergrund berührt. Da kann man nicht zaudern und innehalten wie bei einer Bleistiftzeichnung.
Sie geben Ihrem Werk einen geheimnisvollen Namen: «Les éléphants voilés», die verborgenen Elefanten. Sie lassen sich offensichtlich vom «Dessin No 1» aus dem Buch «Le Petit Prince» von Antoine de Saint- Exupéry inspirieren, die Zeichnung, in der alle Erwachsenen einen Hut sehen und nicht den verborgenen Elefanten, welcher gerade von der Schlange verschluckt wurde. Sie schaffen elf verborgene Elefanten? Verborgene Elefanten und Spital?
Der Titel entstand erst, als ich die Formen erarbeitet hatte. Die Formen ergaben sich aus dem Willen, der Spitalarchitektur amorphe Zeichnungen in amorphen Formen gegenüberzustellen. Und die markante Horizontale, die die Form schneidet, nimmt die Höhe der Handläufe auf, die in jedem Spital die Flure prägen. Eigentlich gebe ich meinen Bildern nicht gerne Titel, aber wenn ich einen Titel geben soll, muss er einen poetischen oder ironischen Aspekt haben. «Les éléphants voilés» verweist tatsächlich auf den «Petit Prince». Mir gefiel der Begriff «voiler ». Ich fand das einfach super, dass es im Französischen so einen schönen Begriff gibt. «Voiler» heisst eben nicht verstecken, sondern verbergen, verschleiern.
Diese Formen erinnern an einen Elefanten.
Ja, jetzt, da ich diesen Titel gegeben habe und Sie an den «Petit Prince» denken. Als ich die Form auf meiner Atelierwand erarbeitet hatte, sagte meine Tochter: «Mama, machst du jetzt Berge?» Ich selbst schaue sehr abstrakt und sehe nicht gleich konkrete Referenzen.
In Ihrer Projektstudie schreiben Sie: «Mich interessiert eine möglichst grosszügige, scheinbar unprätentiöse Geste, die durchaus auch im Vorbeigehen flüchtig wahrgenommen werden kann, das scheinbar Einfache, nicht mal so sehr das Objekt, sondern vielmehr das Subjekt: im Spital der auf Hilfe wartende Mensch. Warten wird zum Sich-ins- Bild-Setzen.» Wie meinen Sie das: Warten wird zum Sich-ins-Bild-Setzen?
«Sich ins Bild setzen» meint, ein Bild nicht nur zu sehen, sondern sich so weit hineinbegeben zu können, dass man Teil wird vom Bild oder eben auch, dass ein Bild Teil von einem selbst werden kann.