KUNST IM KSW
| «Stehender Lazarus» von Thomas Lehnerer |
Wie der Lazarus ins KSW kam
Von
Pfarerrin Ulrike Büchs , Mitglied der Kunst- und Gestaltungskommission

Im Sommer 2005 erhielt das
Seelsorgeteam die Zustimmung der Spitaldirektion zur Renovation der Spitalkirche. Es sollte zügig vorangehen. Uns war es wichtig, von Anfang an eine Kooperation von Architekten, Bauherrschaft und Künstlern zu ermöglichen. Wie findet man so plötzlich Künstler, die einer solchen Aufgabe gewachsen sind? Für eine Ausschreibung oder einen Wettbewerb war die Zeit zu knapp, einen Direktauftrag über persönliche Beziehungen sollte es nicht geben. Wir wollten ein transparentes Vorgehen. Eine Möglichkeit ergab sich durch die Kontakte zur «Schweizerischen St. Lukasgesellschaft für Kunst und Kirche» (SSL). Sie wurde 1924 mit dem Ziel gegründet, in der Kirche zeitgenössische Architektur und Kunst zu fördern. Heute gehören dem Verein 300 Kunstschaffende, Kunsthistoriker/-innen und Theologen/- innen an. Der Präsident der SSL schlug uns, nachdem wir ihm die Bedingungen vor Ort gezeigt hatten, sieben Künstler/-innen vor, die wir um eine Dokumentation ihrer Arbeiten baten. Im Pfarrteam fielen uns sofort die Bronzefiguren von Thomas Lehnerer auf. Wir vertieften uns in seine Ausstellungskataloge und Bücher, seine kunsttheoretische Habilitationsschrift, sein filmisches Porträt. Darin kam uns ein nachdenklicher Intellektueller entgegen.
Doch es war in erster Linie die unmittelbare Ausstrahlung der Figuren selbst, ihre archaische Schlichtheit, die uns anzog. Er selber nannte sie Bildungen des «glücklichen Zufalls », der Phantasie, Visionen des Unbewussten. Er reduzierte seine in Wachs geformten Skulpturen auf minimale Handlungen, Abdrücke seiner Finger blieben darin sichtbar. Besonders hatten es uns die nur handgrossen Gestalten aus dem Figurenkreis «homo pauper» als Ausdruck des elementar Menschlichen angetan. Da der Künstler seit 10 Jahren tot ist, kontaktierten wir Galerien, die seine Arbeiten führen. Diese Recherchen ergaben, dass wir uns, um sein Gesamtwerk kennenzulernen, direkt an die Witwe wenden sollten. Wir waren zuversichtlich, im Nachlass eine passende Figur für den Meditationsbereich der Spitalkirche zu finden. Allerdings mussten wir für das farbliche Gesamtkonzept, die Gestaltung des Wandbildes und des liturgischen Mobiliars einen zweiten Künstler suchen, der mit seiner Arbeit auf eine solche Vorgabe reagieren würde. Wir fanden in der SSL Hans Thomann aus St.Gallen, einen erfahrenen und grosszügigen Menschen, der sich auf diese Bedingung einliess.
Er wurde ein Glücksfall für die gesamte Zusammenarbeit. Gemeinsam mit ihm fuhren vier Seelsorger/-innen an einem kalten Novembertag 2005 nach München. Wir trafen Barbara Lehnerer, die den Nachlass ihres Mannes betreut, in der ehemaligen Werkstatt. Über 100 Figuren lagen dort beschriftet in Regalen, fotografiert und beschrieben im Archiv. Mit Neugier und Konzentration liessen wir uns auf diese Werkfülle ein, bis wir fünf Figuren ausgewählt hatten. Nun musste jeder seine Wahl mit einem Plädoyer begründen. Wir konnten uns trotz engagierter Diskussion nicht entscheiden. Der Prozess stagnierte. Da nahm ein Kollege eine bisher von keinem wahrgenommene Figur aus dem Regal. Diese jedoch wurde von der Witwe als unverkäuflich bezeichnet. Sie hatte im Werk von Thomas Lehnerer eine allzu zentrale Stellung. Sie war in Karlsruhe, Hildesheim, Freising, 1993 auch im Basler «Museum für Gegenwartskunst » gezeigt worden und lag deshalb preislich ausserhalb unserer Möglichkeiten. Aber genau sie liess uns nicht mehr los. Die Arme eng am Rumpf, eingehüllt in Tücher, stand sie aufrecht, wartend, in sich horchend zwischen Ohnmacht und neuer Entscheidung. Uns schien, sie könnte für Patienten, Angehörige und Personal ein Angebot sein, sich mit Bedürftigkeit und offener Zukunft auseinanderzusetzen.
Thomas Lehnerer hatte sie zwei Jahre vor seinem Tod geschaffen und «stehender Lazarus» genannt. Der jüdische Name Eleazar bedeutet «Gott hilf». Ein Jesus besonders nahestehender Jünger trug diesen Namen. Im Johannesevangelium (Kap. 11) ruft Jesus diesen Freund vom Tod wieder ins Leben, aus der Einengung in die Freiheit. Auf diese biblische Person bezieht sich später das «Lazarett» als Ort für erkrankte oder verwundete Soldaten. Ein Krankenhaus als möglicher Standort für den «Lazarus » beeindruckte auch Frau Lehnerer. Als sie in dem vierstündigen Auswahlprozess miterlebte, wie wir immer wieder auf diese Bronzestatue zurückkamen, gab sie sie uns schliesslich mit. Hier im Spital baten wir in einem Rundbrief leitende Ärzte und Kaderpersonen um ihre Mithilfe bei der Finanzierung. Innerhalb weniger Wochen hatten wir durch Spenden die Mittel beisammen. Für den Meditationsbereich entwarf Hans Thomann eine glatte Sitzbank, welche ermöglicht, Abstand oder Nähe zum «Lazarus» zu variieren. Er sollte nicht museal und distanziert auf einem Podest inszeniert werden, sondern für Besucher und Meditierende ertastbar, berührbar sein. In klarer Einfachheit bietet dieser Raum eine Ruhe, die manche Menschen anzieht, andere vielleicht überfordert. Im Mai 2006 wurde die renovierte Spitalkirche eingeweiht, seitdem ist sie Tag und Nacht offen. Ununterbrochen lädt dort seither ein stiller, unaufdringlicher Gefährte ein, für Momente zu verweilen.