Eve Ernst-Kessler

Dipl. Intensivpflegefachfrau
Zentrum für Intensivmedizin
Mein Alltag
Ich schätze meinen Beruf im Teilzeitpensum und habe einen optimalen Ausgleich zur Aufgabe als Familienfrau und Mutter. Mir gefallen die anspruchsvollen, oft auch komplexen Arbeitssituationen sowie die Zusammenarbeit im kollegialen Team.
Zentrum für Intensivmedizin FENSTER SCHLIESSEN

AKTUELL

Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Praxis

Patientinnen und Patienten erleben den Aufenthalt auf der Intensivstation sehr unterschiedlich. Für manche sind die technischen Geräte und die ständige Präsenz von ausgebildetem Personal ein Zeichen der Sicherheit, andere wiederum ängstigt diese Umgebung. Nicht selten erleben wir Patientinnen und Patienten, die verwirrt sind und nicht mehr wissen wo sie sind. Dieser Zustand wird als Delirium bezeichnet und kann viele Ursachen haben. Für uns ist es wichtig diesen Zustand möglichst früh zu erkennen, um entsprechend handeln zu können. Deshalb werden wir Anfang 2007 ein neues Instrument zur Erfassung von Delirien einführen, das CAM-ICU.

 

Faktoren wie eine ungewohnte Umgebung und ein hoher Lärmpegel können beispielsweise zu einem Delirium führen. Der Lärmpegel wird unter anderem durch Alarme von technischen Hilfsmitteln verursacht, welche für die Überwachung und Behandlung auf einer Intensivstation nötig sind, wie zum Beispiel Monitore, Beatmungsgeräte und Geräte die der Flüssigkeits- und Medikamentengabe dienen.

 

Ein anderer begünstigender Faktor für Delirium können Schlafstörungen sein. Auf Intensivstationen ist es im Gegensatz zu allgemeinen Abteilungen auch während der Nacht nicht sehr ruhig. Zudem muss eine stetige Minimalbeleuchtung vorhanden sein, um eine engmaschige Überwachung der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. Viele Patientinnen und Patienten verlieren das Zeitgefühl, weil sie in der Nacht nicht schlafen können und dafür am Tag oft vor sich hin dösen. Manche leiden auch unter Angstträumen.

 

Schmerzen können ebenfalls ein Faktor für Delirium sein. Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation haben oft Schmerzen und fühlen sich im Allgemeinen unwohl. Ursachen dafür können vorbestehende Erkrankungen, durchgeführte Operationen und/oder durchgeführte Untersuchungen sein. Schmerzen und Unwohlsein kann jedoch auch durch therapeutische Massnahmen wie Katheter, Wunddrainagen, Sauerstoffapplikationen, notwendige Massnahmen der Pflege und Physiotherapie hervorgerufen werden. 45% - 82% der Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen klagen über Schmerzen, welche vom Grad ihrer motorischen Aktivität abhängig sind.

 

Schmerzen können durch objektive Zeichen wie hohen Blutdruck, Anstieg der Herzfrequenz, Anstieg der Atemfrequenz und Schwitzen erkannt werden. Allerdings ist es uns wichtig, dass jede Patientin und jeder Patient die Schmerzintensität selbst einschätzen kann, da dies die verlässlichste Beurteilung ist. Dazu gibt es verschiedene Hilfsmittel. Bei uns auf der Intensivstation wird hauptsächlich die Numeric Rating Scale (NRS) eingesetzt, die von 0 bis 10 geht, wobei 0 „keine Schmerzen" und 10 „sehr grosse Schmerzen" bedeutet.

 

Ein weiteres Instrument zur Erfassung der Schmerzintensität ist die Visual Analog Scale (VAS). Bei dieser Skala gibt die Patientin/der Patient anhand einer horizontalen Linie an, wie die momentane Schmerzintensität empfunden wird. Beide Skalen sind auf ihre Verlässlichkeit mehrfach wissenschaftlich überprüft worden, wobei sich die NRS für Intensivstationen als praktikabler herausgestellt hat.

 

Numeric Rating Scale (NRS):

Visula Analaog Scale (VAS):

0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10


Keine Schmerzen

Grosse Schmerzen

Keine Schmerzen

Grosse Schmerzen


Auch Medikamente können ein Delirium beeinflussen, unter anderen Schmerz- und Schlafmedikamente.

 

Patientinnen und Patienten die zum Atmen maschinelle Unterstützung benötigen gehören zu unserem Alltag. Sie werden in den meisten Fällen in einen künstlichen Schlaf versetzt. Dies geschieht durch eine so genannte Analgosedation, bei der Schmerz- und Schlafmedikamente verabreicht werden.

 

Damit sowohl eine Überdosierung als auch eine Unterdosierung dieser Medikamente vermieden wird, benutzen wir ein neu überarbeitetes, erweitertes und wissenschaftlich begründetes Konzept zur Analgosedation (seit September 2006). Das Konzept beinhaltet den Zustand der Patientin/des Patienten in regelmässigen Abständen anhand einer Skala zu überprüfen. Als Hilfsmittel dient die Richmond Agitation and Sedation Scale (RASS). Die RASS ist eine 10 Punkte Skala, die zwischen vier Unruhestadien (+1 bis +4), dem Normstatus wach und orientiert (0) und fünf Schlafstadien (-1 bis -5) unterscheiden kann.

 

Auch diese Skala wurde auf ihre Verlässlichkeit wissenschaftlich überprüft und wird international als Erhebungsinstrument des Sedationsstatus auf der Intensivstation empfohlen. Aufgrund der Situationseinschätzung der Patientin/des Patienten durch die RASS, können die Dosierungen der Medikamente gezielt angepasst werden.

 

Aufbauend auf die bisher beschriebenen Erhebungsverfahren haben wir eine verlässliche Methode eingeführt, mit welcher ein Delirium in der Praxis frühzeitig und ohne grossen zeitlichen Aufwand erkennbar wird.

 

Diese Methode, the Confusion Assessment Method for Intensive Care Unit (CAM-ICU), wurde in Amerika entwickelt und wissenschaftlich überprüft.

 

Es gibt drei Arten von Delirium. Das hyperaktive Delirium, das hypoaktive Delirium und die Kombination beider Formen. Das Vorkommen des Deliriums auf der Intensivstation variiert von 16 % bis 85 %. Durch die Vielschichtigkeit der Ursachen und die unterschiedlichen Erscheinungsformen, ist es schwierig ein Delirium frühzeitig zu erkennen.

 

Es ist uns wichtig eine zuverlässige, in der Praxis leicht anwendbare Methode zu besitzen. Somit kann nach der Erkennung eines Deliriums frühzeitig die Behandlung eingeleitet und Komplikationen verhindert werden.

 

Die CAM-ICU wurde von uns aus dem Amerikanischen übersetzt. Nach der Einführung dieser Methode auf unserer Intensivstation werden wir im Verlauf des Jahres 2007 wissenschaftlich überprüfen, ob die deutsche Übersetzung ebenso verlässlich in der Anwendung ist, wie die englische Originalfassung.



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